17.06.2020

Am Tisch eines Bäckers sitzen ein Mann und eine ältere Dame. Erst durch näheres Hinsehen fällt auf, dass die Dame im Rollstuhl sitzt. Die Armlehnen des Rollstuhls berühren den Tisch. Das Ambiente der Sitzgelegenheiten, die sich der Bäcker und die gegenüberliegende Fleischerei im Einkaufsmarkt teilen, hat etwas sehr offensichtlich, die vorhandene Kälte übertünchendes. Ich fange an, mich zu fragen, wie die Betreiber darauf kommen, dass das nicht bemerkt werden könnte. Dann höre ich den Mann sagen: „Ich bin Dein Sohn, vierundfünfzig Jahre alt, Du bist meine Mutti, zweiundachtzig und Susanne ist dort drüben. Sie holt uns einen Kaffee. Dann machen wir es uns gemütlich.“ Die ältere Dame nickt, nimmt die Hand des Sohnes und lächelt. Ich bin nicht sicher, ob sie das Gesagte verstanden hat und weiß irgendwie, dass die Worte auch nichts zur Sache tun.

14.06.2020

Der aufsteigende Nebel erinnert mich an Havanna und läßt ein Fernweh aufkommen, dessen Wucht mich selbst überrascht. Ich sehe die langen Straßenzüge vor mir und gehe in Gedanken am Malecón entlang.

12.06.2020

An der Ampel begegnet mir der Döner-Mann mit seiner Tochter. Das Mädchen trägt einen pinkfarbenen Schulranzen, beide unterhalten sich. Der mir vertraute Döner-Mann wirkt auf mich angenehm fremd. Die liebevolle, väterliche Art, mit der er sich seiner Tochter zuwendet, die ruft etwas in mir hervor, was mich zukünftig etwas nachdenklich die Frage nach Falafel oder Halloumi beantworten lassen wird.

10.06.2020

Die Dinosaurier-Ausstellung in der Innenstadt erinnert mich an Wandertag. Mein Blick fällt auf das Kassenhäuschen. Gern würde ich heute dafür Schlange stehen, dass die Lehrerin mich vom Alltag freikauft.

07.06.2020

Am Stadthafen wird auf einem Schild darauf hingewiesen, dass die Robben zurück sind. Mit der Einladung Urlaubs-Ranger zu werden, bewirbt das Unternehmen Robben-Expeditionen. Die Werbung für eine Begegnung mit einem großen Meerestier, erinnert mich an die zuweilen gegenwärtige Moby-Dick-Ausstellung auf dem Zentralen Platz in meinem Heimatort. Sie machte durch viele Schilder auf sich aufmerksam und wurde unter einer großen weißen Plane aufgebaut, was ich auf meinem Schulweg beobachten konnte. Die Ausstellung wirkte auf mich andersartig und sie schien sich vom Zirkus abzuheben. Gespannt erwartete ich ihre Eröffnung. Als es dann soweit war, dass ich am Eingang fotografiert wurde und mit einem Ausstellungsheft in das Innere des Wales kam, machte sich ziemlich schnell Enttäuschung breit. Es waren weder Wasser noch Wal zu sehen.

05.06.2020

An der Buhne 9 stehen zweireihig aufgestellte Liegestühle. Das kleine Blockhaus erinnert an Holzhäuschen, die es in Baumärkten zu kaufen gibt. Diverse Aufsteller weisen in leidenschaftsloser Kreideschrift auf das Angebot in der kleinen Hütte hin. Eine überdimensionierte, goldfarbene Windfahne in Form eines Fisches dreht sich aufgeregt hin und her und unterstreicht die hier vorhandene Affinität der Speisen. Belegte Fischbrötchen mit Matjesfilets und Räucherlachs werden über den Ladentisch in Touristenhände gereicht. Die, in hochpreisigen Windjacken bekleideten Urlauber weisen sich gegenseitig auf ausliegende Bootsleinen hin, während sie im Gehen essen und ihre Münder abwischen oder kleine Hunde zum Gehorsam rufen. Das Hupen der Fähre kündigt ihre bevorstehende Rückwartsfahrt an und bringt etwas aufgeregt Maritimes an die Promenade. Mein Blick fällt auf die fettig-glänzende Panade des Bratfisches, der zusammen mit Kartoffelsalat ein vertrautes Bild abgibt. Plötzlich begegnet mir der Wunsch, auf der Stelle mit Oma an der Fischbude in Nienhagen stehen zu wollen. Die Vorfreude auf dieses Essen war schon früh groß, wenn wir mit Windschutz und Kühltasche an dem noch geschlossenen Imbiss vorbeiliefen. Wenn Oma dann zum alltäglichen Gang des Urlaubs-Mittagessens aufrief, befolgten wir ihre Aufforderungen besonders gern, tänzelten aufgeregt um sie herum und konnten unsere Ankunft an der Fischbude kaum erwarten. Dann gab es Kartoffelsalat, den auch Oma aß, Bratfisch, eine kalte Brause und Oma war einmal mehr unsere gefeierte Heldin.

04.06.2020

Der kleine Laden am Hafen weckt kindliche Freude an Urlaubseinkäufen. Drinnen riecht es nach geräuchertem Fisch, es herrscht geschäftiges Treiben. Vier Damen mittleren Alters hantieren routiniert in blau-weiß-gestreiften Seemanns-Hemden hinter dem Tresen, wo sich gleichzeitig die Küche, die Kasse und das Lager befinden. Auf der gläsernen Ablage, die an einer Stelle die offensichtliche Verbindung zwischen Kunden/innen und Verkäufer/innen ist, stehen, die Geldablage einrahmend, verschiedene Kuchensorten zur Wahl. Etwas welk gewordene Farne in leeren Sahnehering-Dosen fristen auf Regalen ihr Dasein. Ihre zerzauste Hässlichkeit hat etwas, das an Kunst erinnert. Als ich gefragt werde, was ich wünsche, bemerke ich eine leichte Unfreundlichkeit, die bei näherer Betrachtung, Überforderung nahelegt. Nach meiner Bestellung nehme ich wahr, wie sich bei der Verkäuferin in Anbetracht der leeren Brötchentüten, eine Vorwurfshaltung gegenüber den Kolleginnen aufbaut, die im Hintergrund den angebotenen Hering sauer einlegen und Rohkost-Salat zubereiten. Der Anblicks des großen, runden Rotkohls gefällt mir in meinem ausgeschlafenen Urlaubsgefühl so gut, dass ich die Verkäuferin fröhlich darauf anspreche. Für sie scheint das, über den eigentlichen Einkauf hinausgehende Gespräch, der Gipfel der beruflichen Zumutbarkeit zu sein, was sie mir mit einer knappen Antwort und meinem Wechselgeld quittiert.

02.06.2020

Die Blicke der vorbeigehenden Passanten am Museumshafen lassen vermuten, dass diese nebst Kurtaxe auch eine uneingeschränkte Berechtigung zum Hin- und Hineinschauen erworben haben. Besonders begehrt sind die Perspektiven auf den Frühstückstisch, wobei einige nach kurzem Verharren, über ihre Distanzlosigkeit selbst erschrecken. Andere wiederum sind widerstandsfähiger, was sie mit dem leisen Klicken ihrer Digitalkamera unter Beweis stellen.

31.10.2020

Drei ältere Damen laufen im Tierpark vor mir. Eine von ihnen fällt durch ihr frisch frisiertes Haar auf. Sie schlenkert ausgelassen ihre Handtasche und schwärmt von der beträchtlichen Anzahl an Sitzgelegenheiten, die hier keine Wünsche offen lassen.

30.05.2020

Am Bahnsteig sehe ich einen Herrn vor dem Zug stehen, der den Halt am Hauptbahnhof für eine Zigarettenpause zu nutzen scheint. Seine Kleidung wirkt, als wäre sie in einem teuren Herrenausstatter zusammengestellt worden. Für einen Moment sehe ich vor mir, wie ihn Verkäufer/innen motiviert und ausgelassen kichernd, zuverlässig in der Aufwertung seines Äußeren beraten. Der Glanz der braunen Lederschuhe versprüht eine Eleganz, die in einem auffallenden Kontrast zur Zigarettenasche steht, die der Wind unbemerkt auf seine Schulter weht. Passend zum Halstuch, welches künstlerisch im Kragen trappiert ist, findet sich in der Tasche des Jackets ein Einstecktuch. Beim näheren Hinsehen lässt der bunte Stoff an ein Kostüm aus der Zirkusmanege denken. Mit einem ernsten Blick schaut er durch ein extravagantes Brillenmodell, das ihm sicher innerhalb einer erst kürzlich zurückliegenden Gleitsicht-Brillenberatung empfohlen wurde. Das Haar gefärbt, steht er auf Bahnsteig elf und sieht in die Ferne. Seine ganze Erscheinung fängt nun an, sich zu einer Anhäufung von Übertünchungen zu verwandeln. Eine nur schwer auszuhaltende Hilflosigkeit scheint durch die Knopflöcher des hellblauen Hemdes zu wabern. Die Ernsthaftigkeit im Gesicht unterstreicht diesen Eindruck und findet sich im angespannten Ziehen an der Zigarette wieder. Kurz frage ich mich, ob dieses zügige Inhalieren zu Ohnmachtsgefühlen führt und bemerke, wie der Gedanke einen leichten Schwindel in meinem Kopf aufkommen lässt. Der Schaffner kündigt mit Pfeifen die Abfahrt des Zuges an. Der Herr schnipst nahezu gleichzeitig, wie einstudiert die Zigarette weg. Das achtlose Entsorgen seines Restmülls auf dem Gleis stößt mich derart ab, dass ich kurz davor bin, ihn zur Rede zu stellen. Als ob er davon wüsste, verschwindet er nach Eintreten in den Zug auf die Toilette. Davor zu warten erscheint mir etwas überambitioniert. Ich beschließe ein wenig schwermütig diese Unachtsamkeit auf sich beruhen zu lassen und suche meinen Platz.