03.02.2021

Seit Langem sehe ich meine Kollegin ohne Mund-Nasen-Schutz. Ihr Gesicht kommt mir seltsam unbekannt vor. Es ist, als wäre zum momentan gewohnten Anblick ihrer Augen, noch etwas hinzugekommen, was erst wieder in Einklang gebracht werden muss. Auch beschleicht mich das Gefühl, dass etwas Unerhörtes vor sich geht, etwas, was im ersten Moment nicht klar erkennen lässt, wer zuerst der Scham nachgeben sollte. Ich, indem ich wegsehe oder sie, indem sie ihr Gesicht bedeckt. Plötzlich fühle ich mich an Schwimmbadbesuche in meiner Kindheit erinnert. In den Frauenduschen spielten sich ungewöhnliche Szenen ab. Fremde, nackte Frauen unterschiedlicher Gestalt bewegten und reinigten sich im Dunst des warmen Wassers. Die für mich, erschütternde Selbstverständlichkeit fremder Nacktheit, vermischte sich mit dem eigenen, entblößten Duscherleben zu einem nebligen Gefühl vertrauter Unvertrautheit.

25.10.2020

Im City-Grill ist es herbstlich geworden. Ein kleiner Zierkürbis liegt in der Auslage und hat den Auftrag, diese zu dekorieren. Die, sonst dort liegenden roten Paprika-Schoten, haben ihren Aufenthaltsort gewechselt, sie liegen nun neben dem Waschbecken. Der orangefarbene Minikürbis ist etwas größer als die Paprika und wirkt, je nach erforderlicher Schnelligkeit der Speisenzubereitung, etwas hinderlich bei der Öffnung der Soßenbehältnisse. Ich frage mich, durch wen der Kürbis dort hingelangt ist und habe dabei den nett lächelnden Chef des Ladens vor Augen. Stets auf einen guten Eindruck bedacht, hat er den Kürbis sicher an diesen Ort gelegt. Inwieweit den Angestellten, die Anwesenheit des Mini-Kürbisses bereits aufgefallen ist, wie sie zu ihm stehen und ob er ihre Arbeit beeinflusst, lässt sich anhand der routiniert wirkenden Handgriffe, der mir bekannten Herren, nicht in Erfahrung bringen. Der Alltag im City-Grill und die sich wiederholenden Fragen nach Salat und Soße, die immer gleiche Abfolge der Zusammenstellung der Döner und die, schon einstudiert-wirkenden Bewegungsabläufe, lassen den kleinen, scheinbar unbeachteten Kürbis fast ein wenig fremd und albern wirken. Als ich bezahle und mit einer durchsichtigen Plastiktüte zur Tür gehe, habe ich plötzlich das unangenehme Gefühl, den Kürbis zu verlassen.

16.09.2020

Im kleinen Küstenort führt eine bergige Straße hinunter zum Hafen. Winzig wirkende Fachwerkhäuschen entzücken mich. Ihre Fenster geben den Blick ins Innere frei und lassen die Gemütlichkeit der eingerichteten Räumlichkeiten erahnen. Kurz stelle ich mir das Knarren von Dielen vor und fühle mich zärtlich an Oma erinnert. Wenn wir telefonierten, konnte ich anhand der Dielengeräusche ausmachen, in welchem Raum sich Oma gerade befand. Oft ließ ich meine Spekulation über ihren Aufenthaltsort in unsere Unterhaltung einfließen. Oma reagierte dann in gewohnter Weise. Sie lachte ein wenig ins Telefon und bestaunte mein feines Gehör. Während ich an den kleinen Häuschen vorbeigehe, vermisse ich dieses großmütterliche Staunen. Und kurz scheint es so, als würde es jetzt hier zu Hause sein.

13.09.2020

Auf der Promenade beobachte ich vorbeilaufende Passanten. Abgestimmte Kleidung, gut sitzende Frisuren, neu wirkende Outdoor-Jacken, frisch gefärbte Augenbrauen, Kameras und teure Sonnenbrillen – fast jede/r versucht hier die beste Version von sich selbst zu sein. Diese Bemühungen kollidieren hin und wieder mit verschmierten Fischbrötchen-Mündern, Softeis-Flecken auf Pullovern und Jacken, einem frischen Hundehaufen und dem unzufriedenen Blick über festgehaltene Selbstporträts. Die Bestrebungen, es im Urlaub besonders schön haben zu wollen, bekommen bei diesen Beobachtungen eine Verletzlichkeit, die mich anfängt zu bedrücken. Der daran anknüpfende Gedanke, dass es sich vor sich selbst nicht wegfahren lässt, erhält hier an der Promenade plötzlich eine Deutlichkeit, die mit einer ähnlichen Wucht an mich dringt, wie die Wellen an die Seebrücke.

20.08.2020

Über meinem Balkon befindet sich ein Hornissennest. Die Hornissen haben sich die alten Balken des Hauses erneut als vorübergehende Bleibe gesucht. Dass sie nach dem Winter wieder zurückgekehrt sind, das ließ mich anfangs etwas misslaunig werden. Hornissen stehen unter Naturschutz und es existiert ein Bußgeldkatalog, der sich auf die Schutz ihrer Art bezieht. Damit stand fest, dass wir ein weiteres Mal den Sommer als „Nachbarn/innen“ verbringen werden. Der innere Widerstand, der dieser Art Fremdbestimmung für gewöhnlich folgt, blieb jedoch aus. Ich fing an, herzlich und gastfreundschaftlich über die Hornissen zu denken und wandte mich ihnen hin und wieder zu. Die kleinen Tierchen weckten etwas Schützendes in mir, das mir bekannt vorkommt und gleichzeitig fremd ist. Ich stelle eine kleine, kontinuierliche Freude über die Fürsorglichkeit fest, mit der ich am Abend für die Hornissen das Licht lösche, das sie durcheinander bringen könnte. Bereitwillig lasse ich die lieb gewonnene Lichterkette auf dem Balkon ausgeschaltet. Bei offenem Fenster gehe ich am Abend, im Dunkeln durch Küche und Bad, um zu vermeiden, dass die Hornissen aufgrund des Lichtes, die Grenze zu meinen Lebensraum überschreiten. Der Blick zu den Hornissen hat sich am Abend eingespielt, wie das Gießen der Pflanzen im Hochbeet. Vor ein paar Tagen fand ich auf der Balkonbrüstung eine Hornissen-Larve in ihrem Kokon. Sie schien aus dem Nest gestürzt zu sein und bewegte sich langsam und verletzlich über das unbekannte Terrain und wirkte dabei so ziellos, dass mich eine plötzlich auftauchende Ausweglosigkeit, im Hinblick auf ihren schicksalhaften Lebensausgang, betrübt machte. Ich versuchte ihr ein neues Zuhause zu schaffen und konnte mich drei Tage von ihrer Lebendigkeit überzeugen. Heute ist das Hornissenkind gestorben.

12.08.2020

Eine Krankenschwester und ein Patient steigen mit in den Aufzug. Der Patient sitzt in einem Rollstuhl. Auf dem Schoß des Mannes thront eine große, bunte Reisetasche. Mir entgeht nicht, dass der Mann blass aussieht. Unsere Blicke treffen sich im Spiegel des Fahrstuhls. Ich sage einen kurzen Satz zur farbenfrohen Tasche. Diese sei die Einzige, die für den Krankenhausaufenthalt infrage kam. Sie sei so groß, weil er so krank. Lunge, Herz und immer wieder „das hier“. Die Angestellte des Krankenhauses schaut hilflos auf die Knöpfe des Fahrstuhls. In Etage 5 steigen beide aus. Ich wünsche alles Gute und bemerke gleichzeitig die unangenehme Inflation der gesagten Worte. Der Fahrstuhl wirkt einen Moment lang sehr leer. Als sich die Türen langsam schließen, habe ich das Gefühl, etwas Wesentliches nicht aufhalten zu können.

05.08.2020

Auf dem Fußweg fällt mir eine Dame auf, die im Rollstuhl sitzt. Sie wird von einer jüngeren Frau geschoben. Die Dame im Rollstuhl blickt nach vorne. Es wirkt, als würde sie die Fahrt genießen und einem besonderen Anlass entgegenfahren. Sie fragt etwas, dreht den Kopf leicht zur Seite, bekommt jedoch keine Antwort. Das scheint sie zu verwundern. Sie dreht sich um, so gut sie kann und sucht den Blickkontakt zur jungen Frau. Diese ist gerade im Begriff, sich eine Zigarette anzuzünden, wird dabei eine Nuance langsamer und versucht den Rollstuhl, mit der Hüfte weiterzuschieben. Die Dame im Rollstuhl bekommt den Grund für die kurze Verzögerung der Fahrt und das Ausbleiben der Antwort mit und dreht sich ruckartig und wiederholt mit einer Vehemenz um, die mich erstaunt. Sie schimpft und untermalt ihre Worte, indem sie wütend mit den Händen gestikuliert und sagt „Höre das Gequarze auf, Mensch – das kann ja wohl nicht wahr sein“. Wieder gestikuliert sie und bewegt sich im Rollstuhl, der wortlos weitergeschoben wird. Eine unangenehme Abhängigkeit vermischt sich im Dunst des Zigarettenqualms zwischen den vorbeilaufenden Passanten.