29.07.2020

Am Morgen stelle ich fest, dass ein leise gefürchteter Ort, in seiner ursprünglichen Form, nicht mehr existiert. Die Eingangstür, dessen Anblick, schweren Gedanken Zutritt gewährte, ist verschwunden. Gipskartonplatten trennen friedlich das Alte vom Neuen. Ich steige vom Rad und halte kurz inne. Für einen Moment scheint es so, als käme eine bessere Zeit

23.07.2020

Am See fällt mir eine grauhaarige Dame auf. Sie trägt einen schwarz-grünen Badeanzug mit breiten Trägern und sitzt in einem, mit großblumigen Stoff bezogenem DDR- Campingstuhl. Neben ihr steht ein bunter Sonnenschirm und hinter ihr eine Kühlbox. Sie scheint gut für einen Strandtag vorbereitet zu sein. Das schräg sitzende Basecap auf ihrem Kopf, welches den Werbeslogan einer Bank zeigt, macht den Eindruck, als wäre es zu groß. Von ihrer Haut geht etwas Ähnliches aus. Sie wirkt gebräunt und lässt Elastizität vermissen. Was nicht verwundert, in Anbetracht ihres Alters. Durch eine modische Sonnenbrille schaut sich die Dame Werbeprospekte an und isst dabei gedankenverloren Erdnussflips. Ihre Anwesenheit und das dazugehörige Strandarrangement wirken wie eine Demonstration gegen Schönheitsideale und Altersdiskrimierung. Jedes weitere Rascheln der Flipstüte verleiht dieser einen friedlichen Nachdruck.

15.07.2020

Am Nachmittag nehme ich eine angespannte Stimmung in der S-Bahn wahr. Die kurzhaarige Zugbegleiterin geht mit einem strengen Blick durch die Reihen und mit ihr, eine ungewohnte Schärfe. Die Ausnahme, die sie macht, als sie lächelnd in einen Kinderwagen blickt, die wirkt wie ein wohltuender Kontrast. Mit großen Schritten geht sie schließlich auf mich zu. Bereitwillig zeige ich ihr meine Fahrkarte. Sie nimmt diese müde zur Kenntnis und fragt in einem fordernden Ton nach meinem Lichtbildausweis. Das Ungewohnte an diesem Wort fängt an, gut zur Stimmung und zum Verhalten der Zugbegleiterin zu passen. Für einen kurzen Moment kann ich es in ihren Augen und in der Art ihrer Bewegungen wiederfinden. Ich suche etwas fahrig meinen Ausweis und hoffe darauf, mit dem Vorzeigen des Dokumentes, Zufriedenheit bei ihr auszulösen. Sie betrachtet den Ausweis und begründet ihre Nachfrage unverhältnismäßig ausführlich. Dabei erinnert sie mich an die Grundschullehrerin meines Bruders. Diese sammelte leere Toilettenpapierrollen zum Basteln. Der Gedanken daran amüsiert mich, ich beginne zu schmunzeln. Plötzlich höre ich, wie die Dame sich von mir verabschiedet.

10.07.2020

Eine Postkarte im Briefkasten erinnert mich an die Postfrau, die gegenüber von unserem Haus den Postkasten leerte und die Post in der Strasse ausfuhr. Sie transportierte die Briefe in einem kleinen gelben Körbchen am Lenker des Postfahrrades. Oft sah ich die Postfrau durch das Küchenfenster auf unser Haus zugehen. Manchmal durfte ich ihr aufmachen und die Post direkt entgegennehmen. Das mochte ich. Sie sprach mit mir wie mit einem Erwachsenen und meistens hörte ich ihr gar nicht so genau zu, weil es mich viel mehr interessierte, ob einer dieser Briefe in ihrer Hand an mich adressiert war.

07.07.2020

In der Bahn fällt mir eine Frau mit zwei Kindern auf. Ein vielleicht vierjähriger Junge sitzt direkt neben ihr. Das zweite Kind, scheint ein Mädchen zu sein und schläft im Kinderwagen. Der Junge zappelt leicht gelangweilt vor sich hin. Die Frau, sicher die Mutter der Kinder, schaut ohne Unterbrechungen auf ihr Telefon, während es der Junge versucht, sich auf ihrem Schoß gemütlich zu machen. Kurz darauf wacht das Baby im Kinderwagen auf. Der Junge springt freudig auf. Er sieht fürsorglich in den Wagen, streichelt seine Schwester und sagt „Wer sind Sie denn? Und wie kommen Sie in den Zug?“. Er freut sich selbst über die vorwitzigen Fragen und löst Lachen in der Bahn aus, ohne dass er oder seine Mutter etwas davon bemerken.

01.07.2020

Die Sonne scheint. Vor dem Bäcker wird wie jeden Mittwoch ein Obststand aufgebaut. Die Chefin, mit Jeans und einem rot-weiß-geringeltem T-Shirt bekleidet, geht konzentriert in einem leicht x-beinigen Schritt um das schon ausgelegte Obst und sortiert die Orangen gewissenhaft nach einem System, welches offenbar ihrem Gefühl entspricht. Dann holt sie große Pappschilder, die den Preis anzeigen und verteilt diese auf den Früchten. Die Apfelsinen werden heute teurer. Sie nutzt die andere Seite des Schildes und legt mit einem großen schwarzen Stift, einen neuen Preis fest. Dabei fällt eine Ananas zu Boden. Ich sehe, wie die Dame die Frucht aufhebt, sie mit der Hand abwischt und zu den anderen zurücklegt. Dann hält sie kurz inne, nimmt die Ananas noch einmal in die Hand und trappiert sie ansprechend auf dem großen Ananas-Berg. Die runtergefallene Ananas ist nun dadurch zu erkennen, dass sie steht, während die anderen liegen. Ein Mitarbeiter hängt dünne Plastikbeutel auf und ein weiterer geht mit einer kleinen Geldkassette zu dem Ort, an dem für gewöhnlich die Kasse zu finden ist. Ich frage mich, wer wohl heute der/die erste/n Kunde/in an diesem Obststand sein und ob er/sie auf die Ananas aufmerksam wird. Dann erscheint das kleine grüne Fahrrad an der Ampel und ich tröste mich mit dem Gedanken, auf dem Heimweg nach der Ananas zu sehen.

29.06.2020

Die Kehrmaschine fährt gemächlich vor sich hin und reinigt die Straßen dort, wo sie hingefahren wird. In der Fahrerkabine sitzt ein Mann, dem die mäßige Geschwindigkeit und die scheinbar fehlende Sicht auf das unmittelbare Arbeitsergebnis nichts auszumachen scheinen. Er sieht nach vorne und folgt einem, mir nicht ersichtlichen System. Auf dem Beifahrersitz steht ein großer Blumenstrauß. Er strahlt etwas Feierliches aus und wirkt zugleich wie ein gefundener Unterschied in einem Suchbild. Für einen kurzen Moment frage ich mich, für wen dieser Blumenstrauß bestimmt ist und bekomme Lust, meinem Arbeitsweg eine andere Richtung zu geben. Plötzlich hält die Maschine an. Der Fahrer steigt aus, nimmt den Blumenstrauß und trägt ihn in ein Gebäude. Kurz darauf sehe ich den Herrn mit einem verwelkten Blumenstrauß das Haus verlassen. Er stellt ihn auf den Beifahrersitz, steigt ein und fährt weiter. Alles geht ganz schnell. Als die Kehrbesen wieder rotieren und der Blumenstrauß davon fährt, wirkt es kurz so, als seien die Blumen über die langsame Kehrmaschinen-Fahrt welk geworden.

26.06.2020

Vor mir auf der Autobahn fährt ein Wagen mit einem Hänger. Auf dem Hänger steht etwas, das meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es ist grau, rund und sieht aus wie ein übergroßes Hundekörbchen. Ich spüre meine Neugier und den Drang zu erfahren, was ist es. Mit schwindender Distanz fängt es an, mir bekannt vorzukommen. Auf dem Hänger steht eine dieser runden Wellnesslandschaften, wie sie oft in Werbeprospekten zu sehen ist und wippt im Takt des huckeligen Asphalts. Sie ist mit einem roten Spanngurt auf dem Hänger gesichert. Der Gurt wirkt wie ein freudiges Gefühl, das in Verbindung mit dem großen „Relax-Polsters“ aufgekommen ist. Es flattert fröhlich vor sich hin. Ich frage mich, wer wohl im Auto dieses Gespannes sitzt. Als ich mich der Fahrerseite nähere und nach rechts blicke, werde ich kurz überrascht. Ich sehe einen älteren Herrn, nahe der Achtzig, mit Hörgerät und Schlapphut. Und finde ganz plötzlich, dass das Alter auch etwas entspannendes haben kann.