19.11.2021

Das Gefühl nicht bereit zu sein, löst einen Unwillen in mir aus, der sich wenig später anfängt, gegen alles zu richten, was dennoch stattfindet. In mir entsteht ein seltsamer Unfrieden. Die Stimme der Nachrichtensprecherin reizt mich auf eine Weise, die ich selbst nicht verstehen kann. Ich schalte das Radio aus und empfinde die Ruhe im nächsten Moment als provokant. In der Bahn beobachte ich eine verbale Angriffslust an mir, von der ich mich zunächst abzulenken versuche. Mir fallen die Nasenhaare des Herrn gegenüber auf, kurz darauf spüre ich einen Tritt von einer unachtsam vorbeilaufenden Passantin. Aufgrund ihrer Kopfhörer nimmt sie meine Entrüstung darüber nicht wahr. Ich fange an, meine Wut ziellos in der S-Bahn auf die Mitreisenden zu projizieren. Es scheint, als würden sich alle Böswilligkeiten der flimmernd-egoistischen Großstadt hier zu einem Puzzle meiner eigenen angewiderten Perspektive zusammensetzen.
Die Freundlichkeit der Zugbegleiterin kann ich damit nicht übereinbringen. Sie wirkt auf mich, wie eine Postkarte aus einer anderen Zeit.

06.11.2021

Durch einen längeren Aufenthalt in meiner Wohnung fiel mir die anhaltende Anwesenheit zweier Fliegen auf. Nach einer Weile war es mir möglich, beide unterscheiden zu können, ohne dass ich mich bewusst für diese Fähigkeit entschieden hatte. Es folgten wiederkehrende Begegnungen in Küche, Bad und Wohnzimmer, die mich in Erwägung ziehen ließen, dass es sich doch um mehrere Fliegen handeln musste. Etwas in mir sträubte sich jedoch, dieser Frage weiter nachzugehen. Ich stellte im Laufe der Zeit fest, dass ihre Anwesenheit unterschiedliche Gefühle in mir auslöste. War ich in einem Moment kurz davor, Namen an sie zu vergeben, war es in einem anderen die ernsthafte Überlegung, die Fliegen aus meiner Wohnung zu verbannen. Eine leicht gezwungene Gleichgültigkeit ihrer Anwesenheit gegenüber, ließ uns schließlich eine nicht genau eruierte Zeit gemeinsam verbringen. Irgendwann begriffen beide, dass ich es nicht sonderlich mochte, wenn sie mich anflogen. Als ich eines Tages bemerkte, dass beide ungeniert aufeinander saßen und auch so blieben, als ich näher kam, spürte ich, wie eine andere Zeit anbrach. Unsere Kontakte wurden beiläufiger und unverbindlich und hin und wieder beschlich mich das Gefühl, nun in meiner eigenen Wohnung zu Gast zu sein.

05.04.2021

Am Bahnsteig fällt mir eine Dame mittleren Alters auf, die offensichtlich Probleme mit ihren Knien hat. Sie schiebt einen kleinen Wagen vor sich her und bietet Kleinigkeiten mit großer Wirkung an. Beim näheren Hinsehen entdecke ich kleine Schokoladen-Osterhasen, die ein wenig lieblos an den Bahngleisen vorbeigeschoben werden. Vor Gleis 11 bleibt die Dame stehen und sieht unbeteiligt in die Ferne. Dabei entgeht ihr die ein oder andere große Wirkung der angebotenen Kleinigkeit. Kurz scheint es so, als hätte sie den Glauben an den Osterhasen verloren.

03.02.2021

Seit Langem sehe ich meine Kollegin ohne Mund-Nasen-Schutz. Ihr Gesicht kommt mir seltsam unbekannt vor. Es ist, als wäre zum momentan gewohnten Anblick ihrer Augen, noch etwas hinzugekommen, was erst wieder in Einklang gebracht werden muss. Auch beschleicht mich das Gefühl, dass etwas Unerhörtes vor sich geht, etwas, was im ersten Moment nicht klar erkennen lässt, wer zuerst der Scham nachgeben sollte. Ich, indem ich wegsehe oder sie, indem sie ihr Gesicht bedeckt. Plötzlich fühle ich mich an Schwimmbadbesuche in meiner Kindheit erinnert. In den Frauenduschen spielten sich ungewöhnliche Szenen ab. Fremde, nackte Frauen unterschiedlicher Gestalt bewegten und reinigten sich im Dunst des warmen Wassers. Die für mich, erschütternde Selbstverständlichkeit fremder Nacktheit, vermischte sich mit dem eigenen, entblößten Duscherleben zu einem nebligen Gefühl vertrauter Unvertrautheit.

25.10.2020

Im City-Grill ist es herbstlich geworden. Ein kleiner Zierkürbis liegt in der Auslage und hat den Auftrag, diese zu dekorieren. Die, sonst dort liegenden roten Paprika-Schoten, haben ihren Aufenthaltsort gewechselt, sie liegen nun neben dem Waschbecken. Der orangefarbene Minikürbis ist etwas größer als die Paprika und wirkt, je nach erforderlicher Schnelligkeit der Speisenzubereitung, etwas hinderlich bei der Öffnung der Soßenbehältnisse. Ich frage mich, durch wen der Kürbis dort hingelangt ist und habe dabei den nett lächelnden Chef des Ladens vor Augen. Stets auf einen guten Eindruck bedacht, hat er den Kürbis sicher an diesen Ort gelegt. Inwieweit den Angestellten, die Anwesenheit des Mini-Kürbisses bereits aufgefallen ist, wie sie zu ihm stehen und ob er ihre Arbeit beeinflusst, lässt sich anhand der routiniert wirkenden Handgriffe, der mir bekannten Herren, nicht in Erfahrung bringen. Der Alltag im City-Grill und die sich wiederholenden Fragen nach Salat und Soße, die immer gleiche Abfolge der Zusammenstellung der Döner und die, schon einstudiert-wirkenden Bewegungsabläufe, lassen den kleinen, scheinbar unbeachteten Kürbis fast ein wenig fremd und albern wirken. Als ich bezahle und mit einer durchsichtigen Plastiktüte zur Tür gehe, habe ich plötzlich das unangenehme Gefühl, den Kürbis zu verlassen.

16.09.2020

Im kleinen Küstenort führt eine bergige Straße hinunter zum Hafen. Winzig wirkende Fachwerkhäuschen entzücken mich. Ihre Fenster geben den Blick ins Innere frei und lassen die Gemütlichkeit der eingerichteten Räumlichkeiten erahnen. Kurz stelle ich mir das Knarren von Dielen vor und fühle mich zärtlich an Oma erinnert. Wenn wir telefonierten, konnte ich anhand der Dielengeräusche ausmachen, in welchem Raum sich Oma gerade befand. Oft ließ ich meine Spekulation über ihren Aufenthaltsort in unsere Unterhaltung einfließen. Oma reagierte dann in gewohnter Weise. Sie lachte ein wenig ins Telefon und bestaunte mein feines Gehör. Während ich an den kleinen Häuschen vorbeigehe, vermisse ich dieses großmütterliche Staunen. Und kurz scheint es so, als würde es jetzt hier zu Hause sein.

13.09.2020

Auf der Promenade beobachte ich vorbeilaufende Passanten. Abgestimmte Kleidung, gut sitzende Frisuren, neu wirkende Outdoor-Jacken, frisch gefärbte Augenbrauen, Kameras und teure Sonnenbrillen – fast jede/r versucht hier die beste Version von sich selbst zu sein. Diese Bemühungen kollidieren hin und wieder mit verschmierten Fischbrötchen-Mündern, Softeis-Flecken auf Pullovern und Jacken, einem frischen Hundehaufen und dem unzufriedenen Blick über festgehaltene Selbstporträts. Die Bestrebungen, es im Urlaub besonders schön haben zu wollen, bekommen bei diesen Beobachtungen eine Verletzlichkeit, die mich anfängt zu bedrücken. Der daran anknüpfende Gedanke, dass es sich vor sich selbst nicht wegfahren lässt, erhält hier an der Promenade plötzlich eine Deutlichkeit, die mit einer ähnlichen Wucht an mich dringt, wie die Wellen an die Seebrücke.