16.09.2020

Im kleinen Küstenort führt eine bergige Straße hinunter zum Hafen. Winzig wirkende Fachwerkhäuschen entzücken mich. Ihre Fenster geben einen Blick ins Innere frei und lassen die Gemütlichkeit der eingerichteten Räumlichkeiten erahnen. Kurz stelle ich mir das Knarren von Dielen vor und fühle mich zärtlich an Oma erinnert. Wenn wir telefonierten, konnte ich anhand der Dielengeräusche ausmachen, in welchem Raum Oma sich gerade befand. Oft ließ ich meine Spekulation über ihren Aufenthaltsort in unsere Unterhaltung einfließen. Oma reagierte dann in gewohnter Weise. Sie lachte ein wenig ins Telefon und bestaunte mein feines Gehör. Während ich an den kleinen Häuschen vorbeigehe, vermisse ich dieses großmütterliche Staunen. Und kurz scheint es so, als würde es jetzt hier zu Hause sein.

13.09.2020

Auf der Promenade beobachte ich vorbeilaufende Passanten. Abgestimmte Kleidung, gut sitzende Frisuren, neu wirkende Outdoor-Jacken, frisch gefärbte Augenbrauen, Kameras und teure Sonnenbrillen – fast jede/r versucht hier die beste Version von sich selbst zu sein. Diese Bemühungen kollidieren hin und wieder mit verschmierten Fischbrötchen-Mündern, Softeis-Flecken auf Pullovern und Jacken, einem frischen Hundehaufen und dem unzufriedenen Blick über festgehaltene Selbstporträts. Die Bestrebungen, es im Urlaub besonders schön haben zu wollen, bekommen bei diesen Beobachtungen eine Verletzlichkeit, die mich anfängt zu bedrücken. Der daran anknüpfende Gedanke, dass es sich vor sich selbst nicht wegfahren lässt, erhält hier an der Promenade plötzlich eine Deutlichkeit, die mit einer ähnlichen Wucht an mich dringt, wie die Wellen an die Seebrücke.

20.08.2020

Über meinem Balkon befindet sich ein Hornissennest. Die Hornissen haben sich die alten Balken des Hauses erneut als vorübergehende Bleibe gesucht. Dass sie nach dem Winter wieder zurückgekehrt sind, das ließ mich anfangs etwas misslaunig werden. Hornissen stehen unter Naturschutz und es existiert ein Bußgeldkatalog, der sich auf die Schutz ihrer Art bezieht. Damit stand fest, dass wir ein weiteres Mal den Sommer als „Nachbarn/innen“ verbringen werden. Der innere Widerstand, der dieser Art Fremdbestimmung für gewöhnlich folgt, blieb jedoch aus. Ich fing an, herzlich und gastfreundschaftlich über die Hornissen zu denken und wandte mich ihnen hin und wieder zu. Die kleinen Tierchen weckten etwas Schützendes in mir, das mir bekannt vorkommt und gleichzeitig fremd ist. Ich stelle eine kleine, kontinuierliche Freude über die Fürsorglichkeit fest, mit der ich am Abend für die Hornissen das Licht lösche, das sie durcheinander bringen könnte. Bereitwillig lasse ich die lieb gewonnene Lichterkette auf dem Balkon ausgeschaltet. Bei offenem Fenster gehe ich am Abend, im Dunkeln durch Küche und Bad, um zu vermeiden, dass die Hornissen aufgrund des Lichtes, die Grenze zu meinen Lebensraum überschreiten. Der Blick zu den Hornissen hat sich am Abend eingespielt, wie das Gießen der Pflanzen im Hochbeet. Vor ein paar Tagen fand ich auf der Balkonbrüstung eine Hornissen-Larve in ihrem Kokon. Sie schien aus dem Nest gestürzt zu sein und bewegte sich langsam und verletzlich über das unbekannte Terrain und wirkte dabei so ziellos, dass mich eine plötzlich auftauchende Ausweglosigkeit, im Hinblick auf ihren schicksalhaften Lebensausgang, betrübt machte. Ich versuchte ihr ein neues Zuhause zu schaffen und konnte mich drei Tage von ihrer Lebendigkeit überzeugen. Heute ist das Hornissenkind gestorben.

12.08.2020

Eine Krankenschwester und ein Patient steigen mit in den Aufzug. Der Patient sitzt in einem Rollstuhl. Auf dem Schoß des Mannes thront eine große, bunte Reisetasche. Mir entgeht nicht, dass der Mann blass aussieht. Unsere Blicke treffen sich im Spiegel des Fahrstuhls. Ich sage einen kurzen Satz zur farbenfrohen Tasche. Diese sei die Einzige, die für den Krankenhausaufenthalt infrage kam. Sie sei so groß, weil er so krank. Lunge, Herz und immer wieder „das hier“. Die Angestellte des Krankenhauses schaut hilflos auf die Knöpfe des Fahrstuhls. In Etage 5 steigen beide aus. Ich wünsche alles Gute und bemerke gleichzeitig die unangenehme Inflation der gesagten Worte. Der Fahrstuhl wirkt einen Moment lang sehr leer. Als sich die Türen langsam schließen, habe ich das Gefühl, etwas Wesentliches nicht aufhalten zu können.

05.08.2020

Auf dem Fußweg fällt mir eine Dame auf, die im Rollstuhl sitzt. Sie wird von einer jüngeren Frau geschoben. Die Dame im Rollstuhl blickt nach vorne. Es wirkt, als würde sie die Fahrt genießen und einem besonderen Anlass entgegenfahren. Sie fragt etwas, dreht den Kopf leicht zur Seite, bekommt jedoch keine Antwort. Das scheint sie zu verwundern. Sie dreht sich um, so gut sie kann und sucht den Blickkontakt zur jungen Frau. Diese ist gerade im Begriff, sich eine Zigarette anzuzünden, wird dabei eine Nuance langsamer und versucht den Rollstuhl, mit der Hüfte weiterzuschieben. Die Dame im Rollstuhl bekommt den Grund für die kurze Verzögerung der Fahrt und das Ausbleiben der Antwort mit und dreht sich ruckartig und wiederholt mit einer Vehemenz um, die mich erstaunt. Sie schimpft und untermalt ihre Worte, indem sie wütend mit den Händen gestikuliert und sagt „Höre das Gequarze auf, Mensch – das kann ja wohl nicht wahr sein“. Wieder gestikuliert sie und bewegt sich im Rollstuhl, der wortlos weitergeschoben wird. Eine unangenehme Abhängigkeit vermischt sich im Dunst des Zigarettenqualms zwischen den vorbeilaufenden Passanten.

04.08.2020

Vor dem Supermarkt begegnet mir ein Entenpaar. Der Erpel läuft der Entendame aufmerksam hinterher. Beide watscheln auf den Eingang des Supermarktes zu. Während ich mein Rad anschließe, stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn ich der ungewöhnliche Gast an dieser Stelle wäre.

29.07.2020

Am Morgen stelle ich fest, dass ein leise gefürchteter Ort, in seiner ursprünglichen Form, nicht mehr existiert. Die Eingangstür, dessen Anblick, schweren Gedanken Zutritt gewährte, ist verschwunden. Gipskartonplatten trennen friedlich das Alte vom Neuen. Ich steige vom Rad und halte kurz inne. Für einen Moment scheint es so, als käme eine bessere Zeit

23.07.2020

Am See fällt mir eine grauhaarige Dame auf. Sie trägt einen schwarz-grünen Badeanzug mit breiten Trägern und sitzt in einem, mit großblumigen Stoff bezogenem DDR- Campingstuhl. Neben ihr steht ein bunter Sonnenschirm und hinter ihr eine Kühlbox. Sie scheint gut für einen Strandtag vorbereitet zu sein. Das schräg sitzende Basecap auf ihrem Kopf, welches den Werbeslogan einer Bank zeigt, macht den Eindruck, als wäre es zu groß. Von ihrer Haut geht etwas Ähnliches aus. Sie wirkt gebräunt und lässt Elastizität vermissen. Was nicht verwundert, in Anbetracht ihres Alters. Durch eine modische Sonnenbrille schaut sich die Dame Werbeprospekte an und isst dabei gedankenverloren Erdnussflips. Ihre Anwesenheit und das dazugehörige Strandarrangement wirken wie eine Demonstration gegen Schönheitsideale und Altersdiskrimierung. Jedes weitere Rascheln der Flipstüte verleiht dieser einen friedlichen Nachdruck.

15.07.2020

Am Nachmittag nehme ich eine angespannte Stimmung in der S-Bahn wahr. Die kurzhaarige Zugbegleiterin geht mit einem strengen Blick durch die Reihen und mit ihr, eine ungewohnte Schärfe. Die Ausnahme, die sie macht, als sie lächelnd in einen Kinderwagen blickt, die wirkt wie ein wohltuender Kontrast. Mit großen Schritten geht sie schließlich auf mich zu. Bereitwillig zeige ich ihr meine Fahrkarte. Sie nimmt diese müde zur Kenntnis und fragt in einem fordernden Ton nach meinem Lichtbildausweis. Das Ungewohnte an diesem Wort fängt an, gut zur Stimmung und zum Verhalten der Zugbegleiterin zu passen. Für einen kurzen Moment kann ich es in ihren Augen und in der Art ihrer Bewegungen wiederfinden. Ich suche etwas fahrig meinen Ausweis und hoffe darauf, mit dem Vorzeigen des Dokumentes, Zufriedenheit bei ihr auszulösen. Sie betrachtet den Ausweis und begründet ihre Nachfrage unverhältnismäßig ausführlich. Dabei erinnert sie mich an die Grundschullehrerin meines Bruders. Diese sammelte leere Toilettenpapierrollen zum Basteln. Der Gedanken daran amüsiert mich, ich beginne zu schmunzeln. Plötzlich höre ich, wie die Dame sich von mir verabschiedet.