04.06.2020

Der kleine Laden am Hafen weckt kindliche Freude an Urlaubseinkäufen. Drinnen riecht es nach geräuchertem Fisch, es herrscht geschäftiges Treiben. Vier Damen mittleren Alters hantieren routiniert in blau-weiß-gestreiften Seemanns-Hemden hinter dem Tresen, wo sich gleichzeitig die Küche, die Kasse und das Lager befinden. Auf der gläsernen Ablage, die an einer Stelle die offensichtliche Verbindung zwischen Kunden/innen und Verkäufer/innen ist, stehen, die Geldablage einrahmend, verschiedene Kuchensorten zur Wahl. Etwas welk gewordene Farne in leeren Sahnehering-Dosen fristen auf Regalen ihr Dasein. Ihre zerzauste Hässlichkeit hat etwas, das an Kunst erinnert. Als ich gefragt werde, was ich wünsche, bemerke ich eine leichte Unfreundlichkeit, die bei näherer Betrachtung, Überforderung nahelegt. Nach meiner Bestellung nehme ich wahr, wie sich bei der Verkäuferin in Anbetracht der leeren Brötchentüten, eine Vorwurfshaltung gegenüber den Kolleginnen aufbaut, die im Hintergrund den angebotenen Hering sauer einlegen und Rohkost-Salat zubereiten. Der Anblicks des großen, runden Rotkohls gefällt mir in meinem ausgeschlafenen Urlaubsgefühl so gut, dass ich die Verkäuferin fröhlich darauf anspreche. Für sie scheint das, über den eigentlichen Einkauf hinausgehende Gespräch, der Gipfel der beruflichen Zumutbarkeit zu sein, was sie mir mit einer knappen Antwort und meinem Wechselgeld quittiert.

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