30.05.2020

Am Bahnsteig sehe ich einen Herrn vor dem Zug stehen, der den Halt am Hauptbahnhof für eine Zigarettenpause zu nutzen scheint. Seine Kleidung wirkt, als wäre sie in einem teuren Herrenausstatter zusammengestellt worden. Für einen Moment sehe ich vor mir, wie ihn Verkäufer/innen motiviert und ausgelassen kichernd, zuverlässig in der Aufwertung seines Äußeren beraten. Der Glanz der braunen Lederschuhe versprüht eine Eleganz, die in einem auffallenden Kontrast zur Zigarettenasche steht, die der Wind unbemerkt auf seine Schulter weht. Passend zum Halstuch, welches künstlerisch im Kragen trappiert ist, findet sich in der Tasche des Jackets ein Einstecktuch. Beim näheren Hinsehen lässt der bunte Stoff an ein Kostüm aus der Zirkusmanege denken. Mit einem ernsten Blick schaut er durch ein extravagantes Brillenmodell, das ihm sicher innerhalb einer erst kürzlich zurückliegenden Gleitsicht-Brillenberatung empfohlen wurde. Das Haar gefärbt, steht er auf Bahnsteig elf und sieht in die Ferne. Seine ganze Erscheinung fängt nun an, sich zu einer Anhäufung von Übertünchungen zu verwandeln. Eine nur schwer auszuhaltende Hilflosigkeit scheint durch die Knopflöcher des hellblauen Hemdes zu wabern. Die Ernsthaftigkeit im Gesicht unterstreicht diesen Eindruck und findet sich im angespannten Ziehen an der Zigarette wieder. Kurz frage ich mich, ob dieses zügige Inhalieren zu Ohnmachtsgefühlen führt und bemerke, wie der Gedanke einen leichten Schwindel in meinem Kopf aufkommen lässt. Der Schaffner kündigt mit Pfeifen die Abfahrt des Zuges an. Der Herr schnipst nahezu gleichzeitig, wie einstudiert die Zigarette weg. Das achtlose Entsorgen seines Restmülls auf dem Gleis stößt mich derart ab, dass ich kurz davor bin, ihn zur Rede zu stellen. Als ob er davon wüsste, verschwindet er nach Eintreten in den Zug auf die Toilette. Davor zu warten erscheint mir etwas überambitioniert und oberlehrerhaft. Ich beschließe ein wenig schwermütig diese Unachtsamkeit auf sich beruhen zu lassen und suche meinen Platz.

29.05.2020

Unterwegs begegnet mir ein älterer Herr auf einem Damenrad. Eine stark getönte Sonnenbrille versteckt seine Augen. Auf dem Kopf trägt er einen weißen Motorradhelm. Langsam rollt er die Rathausstraße entlang. Erst im Vorbeifahren bemerke ich die zwei Spiegel am Lenker, die er gekonnt während des Abbiegens einsetzt. Alles wirkt so, als fehlten lediglich die Geräusche des Motorrades. Mir gefällt das kompromissbereite Festhalten an scheinbar Vergangenem.

28.05.2020

Neben mir sitzen zwei Frauen mit einem kleinen Jungen. Der Junge hat einen bunten Rucksack auf dem Schoß und sieht gespannt aus dem Fenster. Die beiden Frauen scheinen die Mutter und die Oma des Kindes zu sein. Die Oma zeigt dem Jungen Häuser, Antennen, Hunde, erklärt größere Gebäude und kündigt die baldige Einfahrt in den Tunnel als besonderes Ereignis an. An jeder Haltestelle weist sie darauf hin, dass es gleich so weit ist. Der Junge drückt sich am Fenster die Nase platt, die Scheibe beschlägt. Der Anblick der Beschlagenheit zerstreut meine morgendlichen Gedanken. Eine kleine Sehnsucht nach großmütterlichen Erklärungen fährt mit mir Richtung Tunnel.

27.05.2020

Im Wald begegnet mir ein junges Paar mit Kinderwagen. Mir fällt auf, dass beide gemeinsam den Wagen schieben. Die Verbundenheit, die davon ausgeht, wirkt beim näheren Betrachten des Elternpaares wie ein Überbleibsel aus längst vergangenen Tagen. Der Mann schaut stumm in den Wagen, die Frau betroffen auf den Boden. Sie sieht verweint aus und die Blässe ihrer Haut findet sich im hellen Stoff des Sommerkleides wieder. Die Schönheit des Kleides und der Glanz des neuen Kinderwagens potenzieren sich zu einer Ablenkung vom eigentlichen, deren Melancholie sich unbemerkt mit den Rädern des Wagens mitzudrehen scheint.

26.05.2020

Im Fahrradgeschäft nehme ich eine Stimmung wahr, die nicht zum eigentlichen Ziel des Ladens beiträgt. Diese geht vom Inhaber aus. In einer sehr bizarr wirkenden und auffallend offensiven Muffligkeit bekommt jede/r Kunde/in Antworten, die auf eigenartige Weise negativ überraschen. In Anbetracht der zuvor vernommenen Gespräche, wundere ich mich über den Andrang im Laden und die ungewöhnliche Beharrlichkeit, mit der hier alle darauf warten, gleich eine unfreundliche und/oder mindestens seltsame Antwort zu bekommen. Bereits zweimal klang an, dass es sich bei dem Laden um ein mittelständisches Unternehmen handelt. Jeweils mit der Frage verbunden, was der/die Kunde/in denn erwarte. Dass ich lediglich wegen Luft da bin, lässt mich mein Vorhaben und dessen Umsetzung an diesem Ort, immer wieder überdenken. Als ich an der Reihe bin und mein Anliegen vortrage, bekomme ich mit dem Finger die Luftpumpe gezeigt. Diese ist, wie ich erfahre, innerhalb des Ladens zu benutzen, weil „…schon genuch verschwunden sind.“ Während ich das Rad aufpumpe, betritt ein Herr in beigefarbener Bundfaltenhose den Laden. Er hält ein Einkaufsnetz in der Hand und fragt leicht angespannt nach Winterreifen für ein Fahrrad. Diese sollten sowohl Schnee als auch Glätte bewältigen. Der Inhaber des Fahrradgeschäfts kommt hinter dem Tresen hervor, zeigt auf das Fenster und sagt „Hamm‘se schon ma rausgeguckt?“

25.05.2020

In der Kaufhalle gibt es eine neue Verkäuferin. Um den Hals trägt sie eine Kette mit einem Pinguin-Anhänger. Der Pinguin wirkt sehr groß an ihrem Hals und durch die typischen Farben auffallend verspielt. Ich stehe an der Kasse und warte, dass ich meinen Einkäufen dabei zusehen kann, wie sie in die Richtung der Verkäuferin fahren. Vor mir ist eine ältere Dame mit Gehstock, die neben Rotkohl auch drei Packungen fertigen Schokoladenpudding mit Vanillesoße in einer durchsichtigen Gugelhupf-Form gekauft hat. Nachdem alle ihre Lebensmittel an der Kasse einen Piepton verursacht haben, bittet die Dame die Verkäuferin, das passende Geld aus dem Portmonee zu suchen. Leicht verunsichert steht diese auf, kommt hinter der Kasse hervor und zählt das Geld vorsichtig aus der Tasche. Die ältere Dame kommentiert das Vorgehen wohlwollend und dankbar. Einen kurzen Moment ist sie dabei abgelenkt – vom Pinguin.

24.05.2020

Ich bestelle die 228a am Telefon und genieße das freudige Gefühl, die nächsten zwanzig Minuten mit Tätigkeiten füllen zu können, die nichts mit der Zubereitung von Essen zu tun haben. Es erinnert mich an meine Schulzeit und die unzähligen Mittagessen, die Oma für mich kochte. Schon im Treppenhaus wusste ich was es gibt.