05.08.2022

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber die ich kenne, will ich nicht mehr sehen aber wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber wo ich sterbe, da will ich nicht hin: Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

(Thomas Brasch, 1977)

03.08.2022

Vor dem Haupteingang des Zentralfriedhofes werde ich Zeuge eines assistierten Einpark-Manövers. Eine etwa siebzigjährige Frau steigt entschlossen aus einem silbergrauen Mercedes. Sie beginnt, den Mann auf der Fahrerseite beim Vorgang des Einparkens zu unterstützen. Durch das Wedeln mit einer kleinen weißen Handtasche, hektisches Gestikulieren und lautes Rufen macht die Dame auf die Abstände zu den umliegenden Hindernissen und die Notwendigkeit ihrer Hilfe aufmerksam. Kurz erinnert mich ihr Verhalten an einen Marktschreier, der in gelben Plastikeimern mit aufgedruckten Mäusen, Käse verkauft. Der Mann im Auto, der ihr Ehemann zu sein scheint, möchte einen solchen Eimer offenbar nicht kaufen. Er nimmt kaum vom Angebot der Einparkhilfe Notiz und wirkt dabei ähnlich verbissen, wie die immer noch winkende Frau, die durch ihre dünnen Beine in der dunkelblauen, locker sitzenden Caprihose nun fast etwas zerbrechlich wirkt. Das Auto nähert sich dem Bordstein und die Frau wird nun noch hektischer, sie winkt und ruft und gibt Handzeichen, die der Mann nicht sieht. Er schaut während des Einparkens wiederholt aus dem offenen Fenster nach Vorne, um den Abstand einschätzen zu können und rückt dabei immer wieder seinen hellblauen Hut gerade. Als das Auto in der Parklücke zum Stehen kommt, geht die Frau siegessicher zum Auto und wirkt dabei, als hätte sie einen Wettkampf hinter sich gebracht. Der Mann steigt aus, geht stolz ums Auto und wirft einen Blick auf die Straße. Beide verlassen den Parkplatz Hand in Hand Richtung Eingang.

01.08.2022

Seit dem ich weiß, wie gut die Pfifferlingscremesuppe im Theatercafe schmeckt, sehe ich mit einer Konsequenz von ihrer Bestellung ab, die mich stellenweise beeindruckt. Mich erneut mit dem Wohlgeschmack dieser Suppe zu konfrontieren, würde mich auf unangenehme Weise an Abschied erinnern. Schon während ich das erste Mal diese Suppe aß, erlebte ich eine Art portionierten Schmerz der Vergänglichkeit, den ich in dieser Form nicht hinnehmen möchte. So befinde ich mich in einem Vergänglichkeitspräventionsdilemma, bestelle mir einen gemischten Salat und erhoffe mir Mittelmäßigkeit, die nicht von mir Besitz ergreift. Mit Entschlossenheit und dem Gefühl, etwas Großes abgewendet zu haben, greife ich zu meinem Besteck.

19.11.2021

Das Gefühl nicht bereit zu sein, löst einen Unwillen in mir aus, der sich wenig später anfängt, gegen alles zu richten, was dennoch stattfindet. In mir entsteht ein seltsamer Unfrieden. Die Stimme der Nachrichtensprecherin reizt mich auf eine Weise, die ich selbst nicht verstehen kann. Ich schalte das Radio aus und empfinde die Ruhe im nächsten Moment als provokant. In der Bahn beobachte ich eine verbale Angriffslust an mir, von der ich mich zunächst abzulenken versuche. Mir fallen die Nasenhaare des Herrn gegenüber auf, kurz darauf spüre ich einen Tritt von einer unachtsam vorbeilaufenden Passantin. Aufgrund ihrer Kopfhörer nimmt sie meine Entrüstung darüber nicht wahr. Ich fange an, meine Wut ziellos in der S-Bahn auf die Mitreisenden zu projizieren. Es scheint, als würden sich alle Böswilligkeiten der flimmernd-egoistischen Großstadt hier zu einem Puzzle meiner eigenen angewiderten Perspektive zusammensetzen.
Die Freundlichkeit der Zugbegleiterin kann ich damit nicht übereinbringen. Sie wirkt auf mich, wie eine Postkarte aus einer anderen Zeit.

06.11.2021

Durch einen längeren Aufenthalt in meiner Wohnung fiel mir die anhaltende Anwesenheit zweier Fliegen auf. Nach einer Weile war es mir möglich, beide unterscheiden zu können, ohne dass ich mich bewusst für diese Fähigkeit entschieden hatte. Es folgten wiederkehrende Begegnungen in Küche, Bad und Wohnzimmer, die mich in Erwägung ziehen ließen, dass es sich doch um mehrere Fliegen handeln musste. Etwas in mir sträubte sich jedoch, dieser Frage weiter nachzugehen. Ich stellte im Laufe der Zeit fest, dass ihre Anwesenheit unterschiedliche Gefühle in mir auslöste. War ich in einem Moment kurz davor, Namen an sie zu vergeben, war es in einem anderen die ernsthafte Überlegung, die Fliegen aus meiner Wohnung zu verbannen. Eine leicht gezwungene Gleichgültigkeit ihrer Anwesenheit gegenüber, ließ uns schließlich eine nicht genau eruierte Zeit gemeinsam verbringen. Irgendwann begriffen beide, dass ich es nicht sonderlich mochte, wenn sie mich anflogen. Als ich eines Tages bemerkte, dass beide ungeniert aufeinander saßen und auch so blieben, als ich näher kam, spürte ich, wie eine andere Zeit anbrach. Unsere Kontakte wurden beiläufiger und unverbindlich und hin und wieder beschlich mich das Gefühl, nun in meiner eigenen Wohnung zu Gast zu sein.

05.04.2021

Am Bahnsteig fällt mir eine Dame mittleren Alters auf, die offensichtlich Probleme mit ihren Knien hat. Sie schiebt einen kleinen Wagen vor sich her und bietet Kleinigkeiten mit großer Wirkung an. Beim näheren Hinsehen entdecke ich kleine Schokoladen-Osterhasen, die ein wenig lieblos an den Bahngleisen vorbeigeschoben werden. Vor Gleis 11 bleibt die Dame stehen und sieht unbeteiligt in die Ferne. Dabei entgeht ihr die ein oder andere große Wirkung der angebotenen Kleinigkeit. Kurz scheint es so, als hätte sie den Glauben an den Osterhasen verloren.

03.02.2021

Seit Langem sehe ich meine Kollegin ohne Mund-Nasen-Schutz. Ihr Gesicht kommt mir seltsam unbekannt vor. Es ist, als wäre zum momentan gewohnten Anblick ihrer Augen, noch etwas hinzugekommen, was erst wieder in Einklang gebracht werden muss. Auch beschleicht mich das Gefühl, dass etwas Unerhörtes vor sich geht, etwas, was im ersten Moment nicht klar erkennen lässt, wer zuerst der Scham nachgeben sollte. Ich, indem ich wegsehe oder sie, indem sie ihr Gesicht bedeckt. Plötzlich fühle ich mich an Schwimmbadbesuche in meiner Kindheit erinnert. In den Frauenduschen spielten sich ungewöhnliche Szenen ab. Fremde, nackte Frauen unterschiedlicher Gestalt bewegten und reinigten sich im Dunst des warmen Wassers. Die für mich, erschütternde Selbstverständlichkeit fremder Nacktheit, vermischte sich mit dem eigenen, entblößten Duscherleben zu einem nebligen Gefühl vertrauter Unvertrautheit.